Aufgrund der langjährigen wissenschaftlichen Führungsposition wird heute mehr als die Hälfte der weltweiten Forschung auf dem Gebiet der Teilchenphysik am CERN durchgeführt. Die Schweiz ist durch den Sitz des CERN in Genf zum Zentrum der Teilchenphysik geworden. Dies fördert die Chancen für schweizerische Wissenschaftler, an vorderster Front aktiv und erfolgreich mitzuwirken. Gleichzeitig bietet es erstklassige Ausbildungsmöglichkeiten für Studenten.
Im Dezember 1991 verabschiedete der CERN-Rat eine wegweisende Entschliessung, nach der "der Large Hadron Collider (LHC, Protonenspeicherring) der richtige Beschleuniger für den Fortschritt der Teilchenphysik und für die Zukunft des CERN" ist. Im Dezember 1994 bewilligte der CERN-Rat die Konstruktion des LHC und unternahm damit einen wichtigen Schritt in der Entwicklung des CERN von einem europäischen zu einem Weltlabor. Im Dezember 1996 beschloss der CERN-Rat, die Konstruktion des LHC sei in einer einstufigen Bauphase durchzuführen. Gleichzeitig beschloss der CERN-Rat, der Beschleuniger sei im Jahre 2005, bei einer Schwerpunktsenergie von 14 TeV zusammen mit den vorgeschlagenen experimentellen Programmen, in Betrieb zu nehmen.
Der Schweizer Beitrag ans CERN beträgt jährlich etwa 40
Millionen
CHF (4.4% des gesamten CERN-Budgets). Dazu kommen spezielle
Sitzlandbeiträge,
da die Schweizer Wirtschaft von der Anwesenheit des CERN in der Schweiz
stark profitiert.
Luftaufnahme
des CERN mit seinem System von unterirdischen Beschleunigern. Links
oben
sieht man den bewaldeten Hang des französischen Jura. Rechts unten
ist Meyrin mit den CERN-Labors. Im grossen Tunnelring soll LHC
eingebaut
werden.
Obwohl wir heute auf eine Vielzahl von bedeutenden Ergebnissen
hinweisen
können und weitere Erkenntnisse sicherlich auch in den kommenden
Jahren
noch zu erwarten sind, wissen wir, dass wir mit den existierenden
Instrumenten
keine Antwort auf fundamentale offene Fragen geben können.
Beispiele
sind: Was ist der Ursprung der Masse? Sind die scheinbar verschiedenen
Kräfte in der Natur in Wirklichkeit nur verschiedene Aspekte einer
einzigen, fundamentalen Kraft? Warum gibt es mehr Materie als
Antimaterie
in unserem Universum?
Quarks
und
Leptonen (z.B. das Elektron) sind nach heutigem Wissensstand die
Grundbausteine
aller Materie.
Die Grundbausteine unserer Materie bestehen aus Quarks und Leptonen, die sich zusammen mit den kräfteübertragenden Teilchen in ein einfaches Schema einordnen lassen. Die Ursachen für die mehrere Grössenordnungen auseinanderliegenden Massen dieser Teilchen entziehen sich jedoch bislang unserem Verständnis. Erklärungsansätze hält die Theorie bereit: Ein neues Teilchen ist für die Masse aller anderen bereits bekannten Teilchen verantwortlich. Dieses Konzept stammt von Peter Higgs, der das nach ihm benannte Higgs-Teilchen einführte. Wie die Natur diese allgemeine Idee in die Tat umsetzt, darüber kann zur Zeit jedoch nur spekuliert werden. Es könnte z.B. nur ein elementares Higgs-Teilchen geben oder eine Vielfalt solcher elementaren Teilchen, wie sie von einer supersymmetrischen Theorie vorhergesagt werden.
Die
vier uns
bekannten Wechselwirkungen und ihre Trägerteilchen. Nach der
erfolgreichen
Vereinheitlichung der elektromagnetischen und der schwachen zur
elektroschwachen
Wechselwirkung besteht die Hoffnung, in eine übergeordnete Theorie
sukzessive auch die verbleibenden zwei Kräfte mit einzubeziehen.
In der Physik spielen bei der Formulierung von Naturgesetzen Symmetrieüberlegungen seit jeher eine grosse Rolle. Heute sind wir auf der Suche nach neuen Symmetrien, die bisher unbekannte Zusammenhänge zwischen den Grundbausteinen der Materie und den Trägerteilchen der Wechselwirkungen erkennen lassen. Supersymmetrie könnte diese gesuchte Theorie sein, die das Tor zu einer neuen Welt mit supersymmetrischen Teilchen öffnet: Jedem existierenden Teilchen wird ein Partnerteilchen zugeordnet, das zu einer neuen Art von Materie führt, die gleichzeitig mit der uns bekannten Materie existieren kann. Diese Idee fasziniert aus verschiedenen Gründen. Zum einen stellt Supersymmetrie eine natürliche Beziehung zwischen der Gravitation und den Kräften, die im Atomkern herrschen, her. Sie erlaubt also eine Vereinheitlichung der fundamentalen Kräfte. Die bisher sehr genau gemessenen Stärken der verschiedenen Wechselwirkungen deuten auf eine Vereinigung hin, die sich bei extrem hohen Energien manifestiert, wie sie zur Zeit des Urknalls existierten. Zum anderen haben die astrophysikalischen Untersuchungen grosser kosmologischer Strukturen ergeben, dass wir mehr als 90% der Masse des Universums mit unseren heutigen Instrumenten nicht sehen können. Supersymmetrische Teilchen sind Kandidaten für mindestens einen Teil dieser "dunklen Materie".
Die
Stärken
der verschiedenen Wechselwirkungen sind energieabhängig und bis
ca.
100 GeV genau vermessen. Extrapoliert man sie weiter bis zu einer
Energie
von 1016 GeV, bei der eine
«Grosse
Vereinigung» der drei atomaren Teilchenkräfte erwartet wird,
so schneiden sie sich nur dann in einem Punkt, wenn angenommen wird,
dass
bei einigen TeV (1 TeV = 1000 GeV) eine neue Symmetrie (Supersymmetrie)
auftritt. Dieser Energiebereich wird dem LHC zugänglich sein.
Teilchenphysiker sind auf der Suche nach diesen neuen Teilchen. Es ist bisher jedoch noch nicht gelungen, sie experimentell nachzuweisen. Das heisst nichts anderes, als dass diese neuen Teilchen, falls sie existieren, eine zu grosse Masse haben, um sie mit den gegenwärtig verfügbaren Beschleunigeranlagen erzeugen zu können. Die mit LHC erreichbare Energie sollte die Entdeckung dieser Teilchen ermöglichen.
LHC-Tunnel
mit den zukünftigen LHC-Experimenten (rot). Das CMS-Experiment
befindet
sich ca. 130 m unterhalb der Erdoberfläche.
Mit dem Grossbeschleuniger-Projekt LHC in einem bereits existierenden 27km langen Tunnel wird es also gelingen, noch tiefer in die Geheimnisse der Natur einzudringen. Der LHC, ein technisch äusserst anspruchsvolles und weltweit einzigartiges Projekt, wird es ermöglichen, Kollisionen von Protonen bei einer Gesamtenergie von 14 TeV (14 Billionen Elektronenvolt) zu erzeugen. Die dabei auftretenden extrem hohen Wechselwirkungsraten stellen eine enorme technische Herausforderung an die Experimente dar.
Die zu erwartende neue Physik am LHC ist komplex und in einem
bislang
unzugänglichen Energiebereich werden die interessanten Ereignisse
selten sein im Vergleich zum erwarteten Untergrund bekannter Physik.
Unter
diesen schwierigsten Bedingungen bedarf es innovativer Ideen auf dem
Gebiet
des Detektorbaus, um das breite Spektrum technologischer Probleme zu
lösen.
Schnittzeichnung
des CMS-Detektors. Die Höhe des Detektors entspricht der eines
fünfstöckigen
Hauses. Die Schweiz ist verantwortlich für das Elektromagnetische
Kristall-Kalorimeter und für Teile des Inneren Trackers.
Schlüsselelemente bei der Konzeption des CMS-Detektors sind das hochauflösende Kristall-Kalorimeter zusammen mit einem sehr guten Nachweis von Myonen, die zu den Leptonen gehören und die nicht von Kalorimetern absorbiert werden. Der kompakte Entwurf des Detektors wird durch das solenoide Magnetfeld von 4 Tesla ermöglicht, welches sowohl die exzellente Spurenauflösung als auch ein technisch vergleichsweise einfaches Detektorsystem für Myonen erlaubt. Um dem enormen Teilchenfluss standzuhalten, müssen die zentralen Spurendetektoren äusserst fein segmentiert sein. Strahlungsresistente Halbleitertechnologien mit sehr schneller Elektronik spielen eine zentrale Rolle in der technischen Realisierung der Spurendetektoren am LHC.
Hauptaufgaben des CMS-Detektors werden die experimentelle Lösung des Massenproblems durch Suche nach dem Higgs-Teilchen und die Entdeckung neuer Teilchen sein, wie sie z.B. von supersymmetrischen Theorien vorhergesagt werden. Da die Massen dieser Teilchen unbekannt sind, muss der CMS-Detektor den ganzen möglichen Massenbereich abdecken. Dazu wird ein hochauflösendes elektromagnetisches Kalorimeter benötigt, welches z.B. auch im Falle eines relativ leichten Higgs-Teilchens dessen extrem schwer zugänglichen Zerfall in zwei Photonen nachweisen kann. Das PSI beteiligt sich am Kalorimeter mit den Photosensoren (Avalanche Photodiodes, siehe Kapitel 4.2).
Ein anderer wichtiger Aspekt bei der Suche nach neuen Teilchen am
LHC
wird der Nachweis von schweren Quarks sein. Diese Quarks kann man
indirekt
durch Vermessen ihrer Zerfallsstrecke nachweisen. Kleine
strahlungsresistente
Siliziumzellen (Pixel), welche nahe am Strahlrohr montiert werden, sind
die Voraussetzung, um diese wichtige physikalische Signatur erfolgreich
ausnützen zu können (siehe Kapitel 4.1). Das PSI hat die
Hauptverantwortung
für die Pixeldetektoren übernommen.
Das PSI beteiligt sich als hauptverantwortliches Institut an
Entwicklung
und Bau des Pixeldetektors als innerstem Teil des Trackers, und an
Entwicklung
und Commissioning der Lichtsensoren im elektromagnetischen Kalorimeter.
Beide Subdetektoren stellen eine grosse technologische Herausforderung
dar und haben äusserst wichtige Hauptaufgaben innerhalb des
CMS-Detektors
zu erfüllen. Ausserdem benützen viele unserer
auswärtigen
Kollegen die Pionenstrahlen am PSI, um ihre Detektoren auf
Strahlenhärte
und hohe Intensitäten zu testen. Das PSI ist in dieser Hinsicht
ein
idealer Ort zur realistischen Simulation der erwarteten schwierigen
Betriebsbedingungen
am LHC.
Eine
sehr
genaue (~20 Mikrometer) Vermessung der Spuren nahe ihrem Entstehungsort
ist von ausschlaggebender Bedeutung. Nicht nur können zueinander
gehörende
Spuren ermittelt werden, sondern auch solche, die durch den Zerfall
eines
sich vom Wechselwirkungspunkt wegbewegenden kurzlebigen Teilchens
entstehen.
Der Pixeldetektor ist auf Vorschlag des PSI in das Grundkonzept des CMS-Detektors aufgenommen worden. Er ist zwar das kleinste Teilsystem im ganzen CMS-Projekt, beruht aber auf sehr interessanten und neuen herausfordernden Technologien. Im Gegensatz zu herkömmlichen Pixeldetektoren wie z. B. CCD's (Charge Coupled Devices), bei denen der Einfachheit halber jeweils der Inhalt aller Pixel ausgelesen wird (unabhängig davon, ob die Pixel nützliche Information enthalten oder nicht), muss die Auslese bei unserem Detektor wegen der schnell aufeinanderfolgenden Kollisionen auf diejenigen Pixel beschränkt werden, die Spurdaten enthalten. Auch muss bekannt sein, zu welcher Kollision die Spuren gehören. Während der Auslese von getroffenen Pixeln müssen alle anderen Pixel weiterhin Daten registrieren können. Dies bedingt eine komplizierte Auslesearchitektur.
Für
den
Pixeldetektor werden Detektorplatinen (oben) und Elektronikchips
(unten)
durch «Bump-bonding» miteinander verbunden. Wegen der
grossen
Zahl von ca. 50 Millionen Pixeln ist auf den Elektronikchips
hochintegrierte
«lokale Intelligenz» zur Datenreduktion untergebracht.
Jedes der ca. 40 Millionen Pixel wird über einen "bump bond" (Kügelchen von ca. 20 Mikrometer Durchmesser aus Lotmaterial) mit einem Segment eines Auslesechips verbunden, in dem das Signal verstärkt und weiterbearbeitet wird. Somit muss die ganze Fläche des Detektors mit Elektronikchips bedeckt werden (ca.19'000 Chips von je 0.8 cm2 Fläche). Diese müssen in der Lage sein, laufend Spursignale zu erkennen und Signalhöhe und Zeitpunkt des Treffers zu speichern, bis der CMS-Detektor auf Grund von anderen Kriterien (Trigger) entscheidet, ob es sich um ein interessantes Ereignis zum Auslesen handelt.
Einschneidende, sich zum Teil widersprechende Anforderungen müssen erfüllt werden: Niedriger Rauschpegel und hohe Zeitauflösung bei kleinstem Leistungsverbrauch und sehr engen Platzverhältnissen; robuste Schaltungen auch bei wachsenden Strahlenschäden; genügend Speicherplatz für Spursignale von zeitlich dicht aufeinanderfolgenden Treffern, um den Verlust oder das Überschreiben von Daten minimal zu halten.
Mehrjährige Entwicklungsarbeiten sind insbesondere im Bereich der Auslesearchitektur notwendig. Kleinere Testchips sind bereits evaluiert worden und ein grösserer strahlenharter Auslesechip für 750 Pixel ist in Produktion. Erste Versuche zum Aufbringen von Bump-Bonds auf Teststrukturen sind vielversprechend. Am CERN und am PSI sind kleine Pixeldetektoren bezüglich Auflösevermögen und Strahlenhärte untersucht worden (Stand 2000).

Erste Versuche mit selbsthergestellten «Bump-bonds»
aus
Indium.
Ein erster 6 mm2 grosser Prototyp mit einem vorläufigen
Auslesechip
ist gelungen. Bis zum endgültigen Detektor ist der Weg aber noch
weit.
Die Zusammenarbeit der beiden Vertragspartner während der letzten Jahre bestand in einer langen Folge von Verbesserungsschritten beim Hersteller und von Tests am PSI und am CERN. Die Empfindlichkeit der APDs auf Strahlung wurde im OPTIS-Strahl geprüft. Dort erhalten die APD's in etwa 2 Stunden eine Strahlendosis, die am LHC nach einer 10- jährigen Messzeit erreicht wird. Der Dunkelstrom und die Kapazität der weiterentwickelten APDs (Fig. 4) sind um eine Grössenordnung verringert worden. Bei radioaktiver Bestrahlung ändert sich nur der Dunkelstrom, alle anderen Parameter verändern sich nicht.
APD-Paar
(mm) und PbWO4 Kristall.
Der endgültige Vertrag über die Lieferung von 130 000 APDs
wurde kürzlich vom PSI stellvertretend für die CMS
Kollaboration
unterzeichnet (Stand 2000). In den kommenden 2 bis 3 Jahren werden sie
am CERN stichprobenartig
geprüft und 65 000 APD-Paare geeicht. Die Strahlenempfindlichkeit
wird weiterhin am PSI überprüft.